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          Teneriffa - Pioniere und ihre Erfolgsrezepte "El Pirata"

  "El Pirata"
Rolf Diefenbruch





Er bürstet Jungfrauen auf's Reserve-Rad
Die Schutzpatronin verhilft ihm zur sicheren Künstler-Existenz als Airbrusher

Icod de los Vinos. Wo er mit seinem Firmenwagen auch immer vorfährt: El Pirata erregt selbst bei den schrotterfahrenen Kanaren mit seiner "Rostlaube" erst mitleidiges Kopfschütteln. Das Entsetzen wechselt aber schnell in staunende Bewunderung. Wenn jeder, zur Fingernagel-Probe gereizt, verdutzt feststellt, welchem gekonnten Bluff er aufgesessen ist. Der Kastenwagen ist ja gar nicht aus Abfallstücken einer Schiffswerft zusammengeschraubt. Sondern ein nagelneuer Renault. Die Rostschäden sind bloß auf den Kunststoff-Kühlergrill designt, und das scheinbar von Vandalen gerissene Loch über die ganze Kühlerhaube gibt gar nicht den Blick frei in den Motorinnenraum. Sondern es ist auch nur täuschend echt auf die Haube drauflackiert.
Wenn einer seinen Neuwagen so perfekt zum Fall für den Schrotthändler umfrisiert, statt üblicherweise umgekehrt, der ist entweder nicht ganz dicht, oder er hat einen plausiblen Grund für die Contraindikation. Und den hat es auch. Die Blechbüchse ist für den Piraten die mobile Litfass-Säule, das motorisierte Aushängeschild und die allgegenwärtige Visitenkarte für sein mikrofeines künstlerisches Schaffen: El Pirata, seinen richtigen Namen Rolf Diefenbruch kennt kein Mensch, gilt seit vier Jahren in seiner Branche als schnellster und begnadetster Airbrush-Künstler Europas. Seit zwei Jahren sind auf Teneriffa kein Material und keine Oberflächenstruktur, von der Hausfassade bis zum kleinen Fingernagel, vom Grabstein bis zum Klo-Deckel, vor den haarfeinen Spritzpistolen des Farb-Virtuosen sicher. Und davon hat er mehr als 100, für jede Farbnuance eine. Diese professionellen Sprühstifte, kleiner als eine Mine im Kugelschreiber, und nicht zu verwechseln mit den groben Spraydosen der Grafitti-Freaks, haben Rolf Diefenbruch verschafft. Und seine handwerkliche Kunst, mit ihnen in 0,2-Millimeter- Dünne selbst Adern im Augapfel so internationale Bekanntheitfotorealistisch und präzise zu zeichnen, als sei es eine Mikroskop-Aufnahme vom Augenarzt, und Siamkatzen ein so flauschiges Fell zu verpassen, dass man das Surf-Brett krault, auf das sie lackiert sind. Oder Kinderpopos, dass man Marmor küsst.

Seitdem jede Harley Davidson der Welt mit einer Amazone mit Schwert oder einem schwarzen Panther verziert ist, kann sich keine Oberfläche der Welt der Airbrush-Kunst von Rolf Diefenbruch (Airbrush: wörtlich übersetzt "Luftbürste") entziehen.

Auf Kunsthandwerkmessen, wie auf der Iberia-Americano Artisana in Santa Cruz, demonstriert er gerne seinen Ruf als schnellster Airbrusher, indem er Teenies mal fix in 20 Sekunden und umsonst einen Panda-Bären auf den kleinen Fingernagel "bürstet". Etwas länger dauert es schon, wer den Teide das ganze Jahr über schneebedeckt und wolkenfrei über dem Wohnzimmerkamin bewundern will. Wer seine Kunststoff-Gartenmöbel im Einheitsweiß nicht mehr sehen kann, bekommt sie in kostbares Teakdesign umlackiert. Ein ödes Kinderzimmer in Puerto Cruz verwandelt der Pirat mit seiner Spritzpistole in Landschaften aus dem "Dschungelbuch". Der Motorradhelm, die Stiefel, das Handy, das Brillenetui nicht im Einheitsgrau, sondern für den Finca-Besitzer z.B. im Bambus-Muster. Passend zum Jeep vor der Tür. Manche Villenbesitzer Teneriffas lassen den Piraten einen Dreimaster auf den Grund ihres Schwimmingpools versenken, oder verschönern ihr privates Planschbecken mit ganzen Riff- und Korallenlandschaften, Riff-Haien, Walen und Delfinen inklusive. Wie immer häufiger Kunden mit eigenen Vorlagen, kam kürzlich eine Deutsche ins Piratennest, mit einem roten Ziegelstein in der Hand: "Genau in diesem Muster bitte die ganze Parabol-Antenne! Eine gute Idee und ein schönes Beispiel, so der Pirat, den hässlichen Teller-Wald auf den Dächern zu lichten.

Was war sein verrücktester Auftrag? Der Besitzer einer Nobelvilla wollte partout seine Gäste mit einer "Bahnhofs-Toilette dritter Klasse a la Kalkutta", Schmeißfliegen inklusive, schockieren. Der Horror aus der Spritzpistole hat bisher jedes Mal funktioniert.

Kunden: Von Betten Hammerer bis zur NASA

Abgesehen von solchen privaten Spleens und dekorativen Augenweiden entdecken immer mehr Gewerbebetriebe die Werbewirkung von Airbrush.
Dem Österreicher Inselbeck in Puerto Cruz hat El Pirata den zweiten Verkaufsraum für Backwaren nur mit Farbe, Spritzpistole und Können zu einer rustikalen Omas Backstube umgestaltet.
Im Hotel Alhambra im Orotava-Tal standen 40 triste Steinsäulen im Wege. Rolf Diefenbruch besann sich auf die überlieferte Kunst der Einheimischen, Marmor zu malen. Seitdem schmücken 40 dekorative Säulen aus "weißem Marmor" das Hotel.
Für Phantasialand in Deutschland lackierte Diefenbruch die 180 qm Fläche eines Trucks in eine komplette galaktische Space-Landschaft um.
Aber selbst internationale Großkonzerne bedienten sich der Kunst des Teneriffa-Einsteigers.
Die Deutsche Telekom als sie mit noch geheimen Telefon-Modellen die Farbwirkung auf den Kunden ausprobieren ließ.
Die US-Weltraumbehörde NASA, die weltweit nach einem Meister fahndete, der ein Sonnenteleskop aus 28 Messingringen chirurgisch präzise und durchgehend in der mikroskopisch genauen gleichen Dichte lackieren kann. Bis sie Rolf Diefenbruch entdeckte.

Bis heute kann kein PC-Grafikprogramm Chromschriftzüge, oder auf Chrom oder Gold die Licht- und Schatteneffekte nachbilden. Der Pirat aus La Guancha, er weiß, wie's geht. Bloß, er verrät das Künstlergeheimnis nicht. Genau so wenig, wie er jedes Motiv auf quasi jedem Material, auch auf Leder oder Stoff, unverwüstlich haltbar macht, und dafür sogar eine 20-Jahres-Haltbarkeits-Garantie abgibt.
Wer Rolf Diefenbruch, 43, den  Neu-Tinerfeno  aus Witten an der  Ruhr, noch nie gesehen hat,  erkennt  ihn  trotzdem schon von weitem. El Pirata sieht auch so aus, wie er von den Canarios liebevoll genannt wird: Schwarzes Kopftuch ...ob er das wohl wenigstens nachts ablegt... breiter Seemannsgang für jede Windstärke, am linken Ohr den obligatorischen Seeräuber-Ohr-Ring aus Ägypten, mit dem - notfalls - das Begräbnis bezahlt werden kann, zwei tätowierte Mambas schlängeln sich an seinen Bizeps hoch, um sich auf seinem Rücken zu verkreuzen. Fehlt bloß noch die linke Augenklappe ...Und was bedeuten die geheimnisvollen Zahlenkolonnen auf den wenigen freien Armflächen? "Ach so!" Er haßt Zettelwirtschaft. Drum kritzelt er die, typisch moderner Pirat, einfach mit Handy-Nummern seiner Kunden voll.

Sein Haus in La Guancha im Insel-Norden an der Carreterra Belmonte, das er sich schon nach drei Jahren hat kaufen können, ist genau so wenig zu übersehen wie er. Eine riesengroße Teneriffa-Schutzheilige auf der Hausmauer identifiziert schon von weitem die Atelierwerkstatt des Piraten. Religiöse Motive, wie die Virgin Candelaria und andere kirchliche Motive sind überhaupt seine Hauptumsatzbringer bei den Canarios.

Der Wunsch, nur noch im Warmen zu arbeiten, hat ihn in Icod de los Vinos an Teneriffas Nordküste landen lassen. "Die Touristen und die Residenten werden dich schon ernähren", dachte er. Damals hatte er noch gar nicht mit der einheimischen Kundschaft kalkuliert. Zunächst war er den Fußstapfen des Vaters, einem Kunstmaler, gefolgt, mit Öl, Aquarell und Kreide. Bis er das Airbrushing als Kunst entdeckt hat, die den Künstler nicht nur befriedigt, sondern ihn und das Bankkonto satt macht. Der Pirat grinst nur vieldeutig auf die Frage, wie gut sich damit auf Teneriffa auskommen lässt. Und wohin treibt es ihm, wenn er sämtliche Hausfassaden und Swimmingpools Teneriffas verschönert hat? In Dubai würde er Luxushotels in Pyramidenlandschaften verwandeln, und jedem Scheich den eigenen Falken auf den 600er lackieren, meint er zielbewusst und kundenorientiert. Aber bis dahin sei er erst einmal Teneriffa auf Jahrzehnte treu. Sein Geschäft mit der Airbrush-Kunst floriert offensichtlich so blendend, dass er sich gleich zwei Telefonnummern anschaffen musste - die 649 50 85 41 für Deutsche, und die 653 030300 für Spanier. Zwischendurch klingelt schon wieder das zweite Handy. Eine Erbengemeinschaft möchte den Grabstein mit dem Porträtfoto des Verstorbenen und einem Heiligenbild schmücken. "No problema!" Den Wunsch hört er fast täglich.
85 Prozent seiner Kunden sind, das hat ihn selbst erstaunt, inzwischen Canarios. Dass er so schnell und stabiler als andere Künstler auf Teneriffa auch geschäftlich Fuß gefasst hat und quasi jedem Einheimnischen ein Begriff ist, das verdankt er einem Zufall. Oder war es "Riecher"? "Tiermotive, Phantasiegestalten, damit hatte schon jeder die Abdeckplatte seines Ersatzreifen verziert", erinnert sich der Pirat an die Zeit, bevor er so genannt wurde. "Also entschied ich mich, etwas Landestypisches mit hohem Symbolgehalt auf meinen alten Jeep zu lackieren: Die Schutzpatronin Virgin Candelaria." Die Wirkung treibt ihm heute noch fast die Tränen in die Augen. "Was glauben Sie, was passiert ist: Ich hatte die Schutzheilige offenbar so gut getroffen, dass sich die Leute en masse bekreuzigten, wenn sie bloß an meinem geparkten Jeep vorbei kommen. Sogar Polizisten habe ich schon dabei beobachtet. Die auf's Ersatzrad gebürstete Jungfrau hat mich bisher vor jedem Abschleppdienst beschützt."


Aus Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme und Respekt vor der Gläubigkeit der Inselbevölkerung wird er der Hauptpilgerstätte in Candelaria anbieten, auf eigene Kosten die wenig attraktive Außenfassade der vielbesuchten Kirche mit einer Virgin Candelaria zu dekorieren. "Mit Ausnahme des Gerüsts, alles andere besorge ich".

Klar, ein so ausgeflippter Typ wie er kann sich trotz Bodenhaftung den einen oder anderen künstlerischen Gag nicht verkneifen. So hatte er vom Bettenhaus Hammerer den Auftrag, einen Renault-Lieferwagen jeweils auf der rechten und linken Seite mit einer absolut identischen Mutti im Neglige auf einer Wohlfühl-Matratze zu verschönern. Im Widerstreit zwischen kommerziellem Auftrag und künstlerischer Ambition, nicht einfach die linke Wagenseite rechts als Doublette zu kopieren, entschied sich der Pirat für eine unauffällige Pointe im Detail. "Was aber wohl nicht einmal die Auftraggeber gemerkt haben" so der Pirat amüsiert, "ich lasse die Bella auf der Hammerer-Matratze aus verschiedenenfarbenen Augenpaaren strahlen. Die rechte verführt mit blauen Augen, die linke mit grünen. Oder sind es braune? Ja, was nun, braun oder grün? Die Augen unter dem schwarzen Piratentuch blicken erstmals verlegen. Der Künstler, der eine Rose in zwanzig verschiedenen Rot-Tönen, mit Morgentau und Regentropfen mit all ihren Farbschattierungen auf einen Konzertflügel zaubert, als sei es ein Brillant-Foto, er ist der einzige, der seine Kunst nicht wirklich bewundern kann. Das Farben-Genie erkennt, welch eine künstlerische Herausforderung und Glanzleistung, seine Farben und all ihre Nuancen nur an unterschiedlichen Graustufen. El Pirata, der Farben-Virtuose, ist von Geburt an farbenblind.
© Red. Teneriffa & Co.





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