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          Teneriffa - Pioniere  Jürgen Enders

Pionier Jürgen Enders










Lieber Lehrer auf Teneriffa als Taxifahrer in Alemana
Traum-Noten für die Lückenbüßer der deutschen Auslandsschulen

Santa Cruz. 1983 geht er im Hafen der Inselhauptstadt mit einem Schlafsack und zwei Gitarren an Land. Sozusagen die Überlebens-Ausrüstung für einen arbeitslosen Lehrer, der nach drei Jahren Auslands-Schulerfahrung in Bolivien im Auftrag der Bundesregierung statt der nur in Aussicht gestellten Festanstellung jetzt in Deutschland nicht einfach stempeln gehen oder Taxi fahren will. In Südamerika ohnehin dem Mief des deutschen Schulalltag entfremdet, will er für ein Jahr an der Deutschen Schule von Santa Cruz der Lehrerschwemme davonkraulen. Und macht ungewollt Karriere, weniger als Hecht, schon eher als Ölsardine im Karpfenteich: das Opfer Bonner und Wiesbadener Rotstift-Kultur-Politik im Inland wird zu ihrem Nutznießer im Ausland, der Lückenbüßer einer flickschusternden auswärtigen Schulpolitik mutiert zu ihrem Pionier.
Jürgen Enders, vor 21 Jahren erste deutsche "Ortslehrkraft" auf Teneriffa, übernimmt zum kanarischen Billiglohn den Job des eingesparten, verbeamteten Planstellen-Lehrers. Und er wird damit unfreiwillig zum Prototypen eines Discount-Lehrers, der die deutsche Abitur-Qualität im Ausland damals quasi zu den halben Kosten sichern muss. Schön blöd, in Teneriffa zum Billiglohn mit jungen Menschen zu arbeiten, statt zuhause fürs Nichtstun 80 Prozent Arbeitslosensgeld zu kassieren.? Enders denkt anders.

Dieser "Lehrer light" ist in Wirklichkeit ein wahres Schwergewicht - wie die anderen fünf Langzeit-Musketiere von Tabaiba inzwischen tragende Säule und qualitätssichernde Routiniers der Deutschen Schule. Sozusagen Elite-Trainer, was den Output der Begegnungssschule betrifft, und das zu allem Unglück auch noch "dank" Lohn-Dumping der staatlichen Spar-Kommissare.

Wer das, wie Enders, 21 Jahre lang durchsteht, muss ein Überlebens-Künstler sein. Enders, der "Discount-Lehrer zweiter Klasse", hat in den zwei Jahrzehnten aus der Not zum Zweit- und Dritt-Job fürs Überleben, und zu Zusatz-Engagements an der Schule zur Hausmacht- Sicherung, als sei er ein lehrender Beamter auf Lebenszeit, eine Tugend perfektioniert. So virtuos perfektioniert, dass die 300 bis 400 Schüler des Kunsterzieher, Deutsch-Fremd- sprachenlehrer, Cursillo-Lehrer für wechselnde Schüler aus anderen Schulen, Klassenlehrer, Medien-Wart, Web-Master der Schule, Betriebsrat, Lehrervertreter im Schulverein u.v.m. aus seiner Biografie und aus denen der anderen "Discounter" bestimmt ähnlich viel Lebenshilfe saugen könnten wie aus dem offiziellen Lehrstoff. Enders selbst würde sich diesen Schuh niemals anziehen. Aber passen würde er ihm. Und den meisten der 5 anderen Langfrist-Discountern auch. Nehmen wir z.B. nur Ines Graack. Die Studienrätin hat nichts eiligeres zu tun, und kehrt als Lehrerin für Bio und Physik an die Deutsche Schule zurück, an der sie auch schon die Schulbank gedrückt hat. Ähnlich wie der frühere Schüler und heutige spanische Ortskraft-Lehrer Victor Galan.


Enders, der Rocker

Enders weiss es wahrscheinlich selbst nicht, ob überall da, wo er ist, vorne ist, oder - umgekehrt - es ihn stets dahin drängt, wo die Musik spielt. Auch leicht möglich, daß Vielseitigkeit, Unkompliziertheit und Organisations-Eifer partout jeden Extra-Job magisch zu ihm anzieht. Weiß der Geier! Jedenfalls erleichtert ihm sein Multitalent den Tausendsassa und Hansdampf-in-allen-Gassen ungemein.

1978/1979: Was macht der Herr Lehrer Enders, wenn er nicht gerade im Lehrauftrag an der Gesamtschule zu Mücke in Hessen zur Kunst erzieht? Als Leadsänger bei der Rockgruppe "Vanessa" in Giessen bringt er Teenies in Wallung.

In Bolivien Musikkneipe aufgemacht

Anfang 1980 schickt ihn die Bundesregierung an die Deutsche Schule in La Paz, Bolivien, um Kunst und Deutsch als Fremdsprache (DaF) zu lehren. Enders hinterlässt noch ganz andere Noten: Im Nu hat er in Boliviens Hauptstadt mit anderen aus dem Lehrerkollegium eine deutsch-bolivianische Musik-Kneipe aufgemacht. "Dos Caipirinhas, Herr Lehrer!" "El Gramofono", der Musentempel, swingt und soult und jazzt noch immer. Enders freut sich wie ein Schneekönig, so tiefe Spuren in Südamerika hinterlassen zu haben. Den Mann muss es unwiderstehlich jucken, mit kanarischer Frau und achtjähriger Tochter Sara bei nächster Gelegenheit mal die südamerikanischen Tatorte von einst abzugrasen. Ein Schüler, der Alberto, hat übrigens 1988 Enders als "Amor mit dem Pfeil" gepiekst: In der Disco El Coto im Botanico in Puerto de la Cruz, wo sonst, stellte er seinem Lehrer Milagros Estupinan Rivero vor. Enders bewegt die Schöne auf die Tanzfläche, und zwei Jahre darauf, kurz vor Weihnachten 1990, vor den Traualtar.

Zeremonienmeister von Tabaiba
Dreimal darf geraten werden, wen es wohl trifft, wenn die Deutsche Schule Schul-Chroniken verfasst, Personal-Essen organisiert, Kollegen feierlich mit Sketchen und personalisierten Songs verabschiedet, Weihnachts- Basare und Weihnachts-Feiern veranstaltet. "Ich konnte mich gar nicht wehren, im Nu war ich auch noch der Zeremonienmeister der ganzen Schule." Seine E-Gitarre hat Enders stets griffbereit links vor dem Schreibtisch geparkt, so wie ein Sheriff den entsicherten Colt im linken Lederholster.
Von Anfang an Doppelverdiener

Mit dem Einsatz, auch im Betriebsrat und im Schulverein, wuchs der Einfluss. Gleiche Lebensverhältnisse wie der verbeamtete und vermittelte Tischnachbar im Lehrerzimmer, die allerdings musste sich die "Ortskraft Enders" erst mit Doppel- und Abendarbeit hinzuverdienen: Vormittags in der Deutschen Schule, Montag- und Donnerstagabend im Goethe-Institut. "So war ich von Anfang an in Teneriffa Doppelverdiener." In den Ferien organisiert Enders Sprachfreizeiten. 1998 wird er Leiter der Feriensprachkurse in Los Gigantes, und steigt, nachdem ihm fünf Jahre lang ein Verbeamteter vor die Nase gesetzt ist, zum Leiter des Prüfungszentrums des Goethe-Instituts auf. In einigen Wochen im Jahr ist er, zusammen mit seinem Lehrerkollegen Armin Damtsheuser, besonders offenkundig "Goethes Stellvertreter auf Teneriffa": Als Prüfungsverantwortliche des Goethe-Instituts nehmen sie rund 50 Absolventen des Colegio Humboldt, diverser Sprachenschulen und der Universität die Zertifikatsprüfung Deutsch bzw. die zentrale Mittelstufenprüfung ab. Ohne diesen Service müssten alle Schüler dafür nach Madrid oder Barcelona reisen.

Fernsehprogramm aus dem Wohnwagen

Scheinbar nichts lässt Enders aus, um das Dumping-Gehalt als "Ortskraft" aufzubessern. Oben im Orotavatal deponiert er schon einen Wohnwagen, aus dem er zusammen mit einem Partner ein Satelliten-Fernseh- Programm ausstrahlen will. Kaum vom staatlichen Monopol ausgebremst, übersetzt der Umtriebige Dokumentarfilme, synchronisiert Enders Filme als Filmsprecher.
Als einjährige Aushilfe gestartet

Eine Besonderheit des spanischen Arbeitsrechts hat dem Kunsterzieher und Kommunikations-Genie es schnell erleichtert, auf einen Spagat zwischen Deutschland und Teneriffa zu verzichten. Und oberhalb von Santa Cruz in Ifara Wurzeln zu schlagen. 1983 war er mutterseelenallein zwischen all den hochdotierten Entsendelehrer des Auswärtigen Amts als erste deutsche Ortskraft mit nur einem schlecht dotierten Einjahres-Vertrag gestartet. Nach dem dritten Kettenvertrag verlangt das spanische Arbeitsrecht aber eine Festanstellung. Aus dem Provisorium Enders ist damit eine Institution geworden.

Heute, nachdem der Rotstift noch tiefere Spuren ins deutsche Auslandsschulwesen ritzt und weitere Planstellen liquidiert, sind an der deutschen Schule - ohne Vorschule - aus der einen deutschen Ortskraft namens Enders inzwischen 16 geworden. 12 sind "echte", spanische Ortslehrkräfte, 2 britische, eine österreichische und damit insgesamt 31 Ortskräfte, die nur noch zwölf vermittelten und verbeamteten Lehrern aus Deutschland gegenüberstehen.
Auffrischungs-Lehrer werden eingespart

Ist das ein Problemfall, die Ungleichbehandlung im Lehrerkollegium? Enders wehrt entschieden ab. "Ach was, so groß wie einst sind die Unterschiede auch nicht mehr, und die Entsendelehrer bewegen sich im Besoldungsniveau sowieso nach langem vergeblichem Kampf an der unteren Grenze des diplomatischen Dienstes." Genau so wie der langjährige Schulvereins-Präsident und Ehrenkonsul Ingo Pangels sieht auch Enders das Zwei-Klassen-System in Status und Besoldung für die Schule selbst jedenfalls so positiv wie zwei Seiten einer Medaille. "Die Refreshmentlehrer des Auswärtigen Amtes bringen mit ihrer Fluktuation heilsame Unruhe in den Schulbetrieb, sorgen auch für den Anschluss an die schulische Entwicklung in Deutschland. Und wir spanische und deutschen Ortskräfte erledigen als Gegenstück unseren Teil der Qualitätssicherung - durch Vertrautheit, Routine und Kontinuität."

Die multikulturelle Schülerstruktur? Ein Pluspunkt! "Integrationsbedarf", das gibt's allenfalls, wenn der spanische Klassenteil die Abschlussfahrt nach Madrid und der deutsche dagegen lieber nach Berlin machen will. Und die Pisa-Studie? Enders bewundert es, wie gelassen die spanischen Kollegen den sie bauchpinselnden Leistungsvergleich genommen haben, im Gegensatz zu den sofort geschockten Deutschen. Für Enders bleibt es ein Vorzug der Deutschen Schule in Tabaiba, dass die Reifeprüfung nicht nur reproduzierendes Wissen abfragt, sondern - eine Stufe höher - nach Informationsanalysen die Meinungsbildung und individuelle Urteilsfähigkeit fördert und fordert.

Zwei- oder mehrsprachig - der Karriere-Zünder

Die Ortskräfte der Deutschen Schule bekommen zwar ein dürftiges Gehalt, aber Top-Noten. Die Deutsche Schule ist "in" - In Politik und Wirtschaft Teneriffas. Wer ihre Seilschaften identifiziert und entziffert, kommt leicht auf die Jahrgangs-Namenslisten der Deutschen Schule. In Tabaiba werden die Eintrittskarten für die Elite Teneriffas vergeben. In den Klassen entstehen Freundschaften fürs ganze Leben. Und es bilden sich nebenbei - wenngleich so jedenfalls ungefördert - kleine, eigene Netzwerke der Inselelite. Cabildo-Präsident Ricardo Melchior, so stabil ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, bekommt noch nach 50 Jahren Besuch von seinen ehemaligen Lehrern. Und welches der beiden Systeme von Tabaiba ist für den Schüler besser?
Enders erkennt blitzschnell das Glatteis, und kriegt elegant die Kurve. "Welches System produziert weniger Arbeitslose", ist meine Fragestellung. Und meine Antwort: "Alle bilingualen Schulen Teneriffas, wie z.B. die deutsche und "Luther King", sind allemal vorteilhaft für jeden Schüler, weil sie ihn zumindest zweisprachig auf den zumindest zweisprachigen Berufsalltag vorbereiten. Viele unserer Schüler machen Austauschfahrten, Studienreisen, studieren in Deutschland, England, Amerika, gewinnen durch ihre weltoffene Erziehung ohne Berührungsängste schnell Kontakte und neue Horizonte, sind zu eigenständigen europäischen Weltbürgern erzogen."

Europas höchste Deutsch-Klasse

Enders selbst, dem Kunst- und Sprachlehrer, verhinderten TV-Direktor und Zeremonienmeister mit den zig Zusatz-Jobs, wird noch aus einem anderen Grund gerne das Etikett "Elite-Trainer" angeheftet. Mal wird das Multi-Talent im Hotel Parador am Teide in Gesellschaft der europäischen Radrenn-Elite geortet: Paolo Salvodelli, Mario Aerts, Guiseppe Guerrini, Alexander Winokurow, Cadel Evans.

Deutsch als Ausgleichs-Sport

Nein, Radrennen macht Enders nicht auch noch. Aber der Rennstall der Telekom macht mit den Assen aus Italien, Australien, Russland und Belgien gerade ein Höhentrainingslager oben am Teide, jagt die Fahrer vom Parador bis Santa Cruz und zurück, und noch weiter, 300 km pro Tag. Der europäische Telefon-Gigant und Radsport-Sponsor überlegt sich, da täte den geschlauchten Fahrern ein deutscher Sprachkurs als intellektuelles Gegenprogramm zum beinharten Training ganz gut. Der Goethe-Leiter auf Teneriffa, eben die "Ortskraft" Jürgen Enders, macht kurzentschlossen oben am Teide Europas höchste Deutsch-Klasse auf.

"Ortskräfte" sind Pioniere der Vielseitigkeit auf Teneriffa. Ihre Hinzuverdienste muss man ihnen nicht neiden. Auch nicht die drei Monate Ferien, die logischerweise jeder Doppelarbeiter und "Doppelverdiener" nur in der Theorie doppelt hat. Enders hat nicht einmal einfache Ferien. Schließlich stehen in den Schulferien die Feriensprach-Kurse an, mit denen er kleine Anschaffungen über dem Existenzminimum finanziert. Teneriffa bezahlt schlecht - seine Eliten und seine Elite-Trainer. Dafür ist die Insel aber ein Lehratelier und die "Methode Teneriffa" ein Modellskizze für die Kunst zum Überleben und für Überlebenskünstler.
© Red. Teneriffa & Co.






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